Die Schritt-für-Schritt-Anleitung aus meiner Podcast-Folge zum Thema Mental Load – damit die unsichtbare Denkarbeit endlich auf den Tisch kommt und ihr sie gerechter verteilen könnt
Kurz zum Thema: Was ist Mental Load?
Mental Load bedeutet nicht, viele Dinge zu tun – das ist die sogenannte Workload. Mental Load bedeutet, an viele Dinge gleichzeitig zu denken.
Die Workload ist die sichtbare, ausführende Arbeit: Wäsche waschen, kochen, das Kind zur Kita fahren, einkaufen. Man kann sie sehen, sie hat einen Anfang und ein Ende und sie lässt sich relativ leicht aufteilen („Du machst heute die Küche, ich bringe die Kinder ins Bett“).
Der Mental Load dagegen ist die unsichtbare Denk- und Organisationsarbeit dahinter. Sie hat kein sichtbares Ende und läuft ständig im Hintergrund mit. Warum das oft zu Frust führt: Die Workload wirkt fair geteilt, während die Mental Load unsichtbar bei einer Person hängen bleibt – meistens an der Mutter. „Sag mir doch einfach, was ich machen soll“ nimmt zwar Workload ab, aber nicht Mental Load. Denn das Delegieren einer Teilaufgabe schließt die Aufgabe im Kopf nicht ab: den Müll rausbringen kann man abgeben – aber daran zu denken, wann die Tonne rausmuss, zu checken, ob noch Beutel da sind, und zu erinnern, dass neue gekauft werden müssen, das ist die Mental Load dahinter.
Die Soziologin Alison Daminger spricht hier von Cognitive Household Labour (kognitiver Hausarbeit) und beschreibt vier Schritte: antizipieren (einen Bedarf kommen sehen), identifizieren (Optionen recherchieren), entscheiden und überwachen. Ihre Forschung zeigt: Das Antizipieren und das Überwachen – also der erste und der letzte Schritt – übernehmen Frauen fast immer allein. Nur das Entscheiden passiert häufig gemeinsam. Genau deshalb bleibt die Mental Load so unsichtbar: Der sichtbare Teil wirkt geteilt, die eigentliche Dauerarbeit im Kopf bleibt bei einer Person.
Wichtig vorab – erst genau zuhören, dann verteilen: Der häufigste Fehler ist, sofort in den Lösungsmodus zu springen („Ok, dann mache ich ab jetzt die Wäsche“). Wenn sich die überlastete Person vorher nicht wirklich gehört gefühlt hat, wirkt jede organisatorische Lösung wie zusätzlicher Stress. Nehmt euch also zuerst Zeit für die emotionale Ebene – z. B. mit einem Gespräch, in dem eine Person über ihren Stress spricht und die andere nur zuhört, ohne Lösungen anzubieten oder kleinzureden. Erst wenn diese Basis steht, beginnt das Aufgaben-Inventar.
Das Aufgaben-Inventar – Schritt für Schritt
Das Aufgaben-Inventar ist der Türöffner für alles Weitere: Es macht die unsichtbare Arbeit überhaupt erst sichtbar. Denn was niemand sieht, kann auch niemand mit dir teilen.
Schritt 1: Getrennt alles aufschreiben
Jede*r schreibt für sich getrennt voneinander alle Aufgaben rund um Familie und Haushalt auf, die man im Kopf hat oder erledigt – auch die allerkleinsten, unsichtbarsten. Zum Beispiel: daran denken, dass die Sportsachen gewaschen werden, Vorsorgetermine im Blick haben, Geschenke besorgen, checken, ob noch genug Vorräte da sind. Diese Liste darf sehr lang werden, und wahrscheinlich musst du mehrmals etwas ergänzen.
Schritt 2: Nach Aufgabenbereichen sortieren
Danach – oder gerne auch schon währenddessen – ordnest du die einzelnen Punkte übergeordneten Aufgabenbereichen zu, z. B.: Wäsche, Einkaufen, Kleidung, Kindergarten, Schule, Garten, Arztbesuche, Auto, Kochen, Müll, Haustier.
Schritt 3: Zusammensetzen und in drei Stufen zerlegen
Jetzt setzt ihr euch beide mit euren Listen zusammen. Schreibt jeden Aufgabenbereich auf eine Karte (Moderations- oder Karteikarte, Zettel – oder digital eine Excel-Liste). Dann zerlegt ihr jeden Aufgabenbereich in drei Stufen und tragt für jede Stufe ein, wer sie aktuell übernimmt:
- Vorausdenken – den Bedarf bemerken, bevor er akut ist.
- Planen – organisieren, Optionen klären, Termine machen.
- Ausführen – die sichtbare Handlung selbst.
Beispiel: Aufgabenbereich Arzt
| Stufe | Was konkret dazugehört | Wer macht es aktuell? |
|---|---|---|
| Vorausdenken | Bemerken, dass eine Vorsorge fällig ist; daran denken, was man den Arzt noch fragen wollte | … |
| Planen | Termin ausmachen, Impfpass raussuchen, Unterlagen vorbereiten | … |
| Ausführen | Hinfahren / mit dem Kind zum Termin gehen | … |
In vielen Familien wird das Ausführen geteilt – aber das Vorausdenken und Planen liegt fast komplett bei einer Person. Genau das macht das Inventar sichtbar.
Schritt 4: Gegenseitig laut vorlesen – noch nicht diskutieren
Bevor ihr irgendetwas neu verteilt: Lest euch die Aufgabenverteilung gegenseitig laut vor. Noch nicht diskutieren, wer was übernimmt – erst mal nur vorlesen und zuhören. Genau in diesem Moment wird die unsichtbare Last zum ersten Mal sichtbar. Macht sie zusätzlich greifbar: Breitet alle Karten mal vor der Person aus, die eine Aufgabe komplett verantwortet (also alle 3 Bereiche übernimmt), oder markiert in der Excel-Liste die Zeilen farbig. Schon die reine Visualisierung löst meistens spontane Überraschung und Anerkennung aus – oft sogar bei der Person selbst, die den Großteil trägt.
Schritt 5: Ganze Verantwortungsbereiche neu verteilen
Erst jetzt sprecht ihr über die Neuverteilung. Dabei geht es nicht darum, einzelne Teilaufgaben auf Zuruf abzugeben, sondern immer nur ganze Verantwortungsbereiche zu übertragen. Zwei Regeln sind entscheidend:
- Wer einen Aufgabenbereich übernimmt, übernimmt alle drei Stufen – Vorausdenken, Planen undAusführen. Wenn er z. B. den Bereich „Kindergarten“ übernimmt, heißt das: Er denkt an die Elternabende, merkt sich, wann das Laternenfest ist, und organisiert das Faschingskostüm – komplett.
- Legt gemeinsam einen Mindeststandard fest, wann eine Aufgabe als erledigt gilt (z. B.: Wann gilt die Küche als aufgeräumt? Wann gilt das Frühstück als gesund?). Das verhindert ständiges Nachkontrollieren.
Es geht nicht um 50/50, sondern um eine Aufteilung, mit der sich beide gesehen und gerecht behandelt fühlen.
Schritt 6: Geteilte Systeme & wöchentliche Familienkonferenz
Weil sich Familien, Menschen und Aufgaben ständig verändern, führt eine kurze wöchentliche Familienkonferenz ein: ein fester Termin, z. B. Sonntagabend, etwa 20 Minuten. Dort klärt ihr: Wer macht diese Woche was? Was ist wichtig? Was darf auch mal liegen bleiben? Werden die Kinder größer, können sie nach und nach eigene Aufgaben übernehmen.
Nutzt außerdem geteilte Systeme – z. B. einen gemeinsamen Familienkalender, in dem alle Termine stehen, und klar zugeordnete Bereiche. Ziel: Die Informationen liegen im System, nicht im Kopf einer einzelnen Person. So muss niemand mehr die lebende Erinnerungsliste für alle anderen sein.
Vorlage für eine Excel Liste
Wenn ihr nicht mit den handgeschriebenen Karten hantieren möchtet, könnt ihr auch direkt eine Excel Liste anlegen und die Teilaufgaben dazu mündlich besprechen.
Ergänzt so viele Zeilen, wie ihr Aufgabenbereiche habt. Tragt bei jeder Stufe ein, wer sie aktuell trägt – und in einer zweiten Runde, wer sie künftig übernimmt. Das könnte so aussehen:
| Aufgabenbereich | Vorausdenken | Planen | Ausführen |
|---|---|---|---|
| z. B. Wäsche | |||
| Einkaufen | |||
| Kindergarten / Schule | |||
| Arztbesuche | |||
| Kochen | |||
| Müll | |||
| Auto | |||
Zum Schluss: die eigenen Glaubenssätze prüfen
Wenn euch das Abgeben von Verantwortung schwerfällt, schaut ehrlich hin, ob Sätze wie „Eine gute Mutter denkt eben an alles“, „Die Kinder wollen, dass Mama das macht“ oder „Er kann das mit den Kindern nicht so gut wie ich“ euch begleiten. Solche Glaubenssätze wirken von zwei Seiten: Sie verhindern, dass die Frau wirklich loslassen kann, und sie halten den Mann in der Zuschauerrolle. Frag dich: Woher habe ich diese Sätze? Wer sagt das – und stimmt das überhaupt? Manchmal halten wir an der Zuständigkeit fest, weil sie uns ein Gefühl von Wert und Kontrolle gibt. Das darf man sich eingestehen, ohne sich dafür zu verurteilen.
Der Weg raus aus dem Mental Load fängt nicht damit an, effizienter zu werden, um noch mehr tragen zu können. Er fängt damit an, dass alleAufgaben auf den Tisch kommen – damit die unsichtbare Last sichtbar wird. Das ist der Anfang von echter Gleichberechtigung in der Familie.
Hab ihr noch Fragen zum Aufgabeninventar? Schreibt mir gerne!
Literatur:
Eve Rodsky: „Fair Play“ – Buch und Aufgabenkarten. everodsky.com/fair-play und fairplaylife.com (nur auf englisch)
Patricia Cammarata: „Raus aus der Mental Load-Falle. Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt“
Zur Studie von Alison Daminger: https://www.allisondaminger.com/research

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