Es gibt einen Satz, den ich in meiner Praxis immer wieder höre: „Ich weiß einfach nicht, ob ich gehen oder bleiben soll.“ Gerade in langjährigen Partnerschaften, wenn es ein gemeinsames Leben mit Kindern, Freunden und Verbindlichkeiten gibt, wird diese Frage oft zu einem langen, zermürbenden Gedankenkarussell: Man versucht, Dinge zu verändern, scheitert – man packt in Gedanken die Koffer. Um dann am nächsten Tag wieder zu denken: Vielleicht ist es doch nicht so schlimm.
Wenn du das kennst, dieses Hin- und Hergerissensein, dann möchte ich dir heute eine Coachingmethode vorstellen, das genau für solche Momente gemacht ist: das Tetralemma. Es hilft dir nicht, schneller eine Antwort zu finden. Es hilft dir, dir einmal selbst ganz andere Fragen zu stellen und dabei Optionen zu entdecken, die du im Entweder-Oder gar nicht sehen kannst.
Die Falle des Entweder-Oder
Unser Gehirn liebt klare Antworten. Ja oder nein. Schwarz oder weiß. Gehen oder bleiben. Doch gerade bei wichtigen Lebensentscheidungen ist dieses Denken in zwei Optionen oft der Grund, warum wir uns so festgefahren fühlen.
Interessant ist, was die Forschung über diesen Zustand herausgefunden hat. Die Psychologin Samantha Joel und ihr Team haben untersucht, wie Menschen die Entscheidung erleben, eine Beziehung zu beenden. Das Ergebnis: Wer über eine Trennung nachdenkt, will oft beides gleichzeitig – bleiben UND gehen. Diese Ambivalenz ist also kein Zeichen von Schwäche oder Entscheidungsunfähigkeit. Sie ist weit verbreitet.
Eine weitere Studie ihres Teams zeigte: Menschen, die stark in dieser Zerrissenheit stecken („mit einem Fuß schon aus der Tür“), erleben von Tag zu Tag große Schwankungen. An einem guten Tag wollen sie bleiben, an einem schlechten sofort gehen. Wenn du also das Gefühl hast, deine Meinung ändere sich ständig – das ist völlig menschlich. Das Problem ist nur: In diesem Ja-Nein-Pendel zermürbst du dich langfristig emotional.
Und genau hier setzt das Tetralemma an: Es hilft dir, aus diesem Ja-Nein-Pendel heraus und öffnet deinen Blick für die Situation.
Was ist das Tetralemma?
Der Begriff klingt sperrig und die Idee dahinter ist schon sehr alt: „Tetra“ heißt vier, „Lemma“ bedeutet Annahme oder Standpunkt. Die Ursprünge liegen in der klassischen indischen Logik, die schon vor rund 1.800 Jahren genutzt wurde, um festgefahrene Denkmuster aufzubrechen. Ursprünglich diente es auch Richtern, alle möglichen Positionen in einem Streit zwischen zwei Parteien zu betrachten.
Die beiden systemischen Therapeuten Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer haben dieses alte Modell für die moderne Beratung und Therapie weiterentwickelt – nachzulesen in ihrem Buch „Ganz im Gegenteil“. In der systemischen Arbeit ist das Tetralemma heute eines der kraftvollsten Werkzeuge, um Entscheidungsräume zu weiten, wenn jemand zwischen zwei Möglichkeiten feststeckt.
Das weiterentwickelte Tetralemma bietet nämlich statt der ursprünglichen vier sogar fünf Optionen. Im Coaching sprechen wir nun von Positionen, denn sie werden in der Übung später tatsächlich physisch eingenommen. Finde nun zunächst diese fünf Positionen für dich und schreibe auf, was sie für dich bedeuten.
Die fünf Positionen – und was sie für dich bedeuten können
Position 1: Das Eine – Gehen
Ich gehe. Wie fühlt sich das an? Was gewinne ich – Freiheit, Selbstbestimmung, die Chance auf etwas Neues? Was verliere ich – Sicherheit, eingebunden sein in Familie und Freunde?
Position 2: Das Andere – Bleiben
Nun das Gegenteil: Ich bleibe. Bleiben aus Angst fühlt sich anders an als bleiben aus Liebe. Diese Position lädt sie ein, ehrlich hinzuschauen: Was hält mich wirklich – gemeinsame Geschichte, die Kinder, echte Verbundenheit? Oder Gewohnheit und die Furcht vor dem Alleinsein?
Bis hierhin kennst du das klassische Dilemma. Jetzt wird es spannend, denn jetzt öffnet das Tetralemma die Fenster, die im Entweder-Oder verschlossen bleiben.
Position 3: Beides
Was, wenn beides wahr sein darf? Diese Position fragt: Wie kann ich Anteile von beidem verbinden? Manchmal kann das heißen: Wir bleiben zusammen, aber ich erobere mir Freiräume zurück, die ich für „Gehen“ gehalten habe – eigene Reisen, alte Freundschaften, ein Projekt, das nur mir gehört. Oder: Wir bleiben zusammen, verändern aber die Form unserer Beziehung grundlegend. „Beides“ ist der Raum für Kompromisse und kreative Kombinationen, an die man im Krisenmodus nie denkt.
Position 4: Keines von beidem
Diese Position ist mein persönlicher Favorit, weil sie so überraschend ist. Sie fragt: Was, wenn es gar nicht um Gehen oder Bleiben geht? Was, wenn die eigentliche Frage eine ganz andere ist? Vielleicht geht es gar nicht um den Partner? Vielleicht geht es darum, dass ich mich selbst in den letzten Jahren verloren habe. „Keines von beidem“ lenkt den Blick weg vom Partner und hin zu den Themen dahinter – unerfüllte Bedürfnisse, alte Bindungsmuster, ein Leben, das größer werden will.
Position 5: Etwas ganz anderes
Die fünfte Position klingt rätselhaft, und das ist Absicht. Sie ist die „Aussenposition“, die alles Vorherige noch einmal in Frage stellt. Sie steht für das, was sich nicht in Worte fassen lässt: für Intuition, für Vertrauen, für den Mut, die Frage ganz neu zu stellen. Diese Position schenkt Weite und nimmt den Druck, sofort eine richtige Antwort oder Entscheidung haben zu müssen.
Du kannst das Tetralemma selbst ausprobieren
Du brauchst dafür nicht zwingend einen Coach und keine große Vorbereitung – nur etwas Ruhe und Mut zur Ehrlichkeit.
Nimm dir fünf Blätter Papier und lege sie auf den Boden. Beschrifte sie: „Gehen“, „Bleiben“, „Beides“, „Keines von beidem“ und „Etwas ganz anderes“. Stell dich nacheinander auf jedes Blatt und lass die Position und was sie beinhaltet auf dich wirken. Nimm wahr, was du spürst, was dir einfällt, welche Bilder kommen. Schreib deine Gedanken anschließend auf. Du wirst überrascht sein, wie unterschiedlich du dich an diesen fünf verschiedenen Orten fühlst – und welche Ideen und Gedanken vielleicht auftauchen.
Wichtig: Es geht nicht darum, am Ende die „richtige“ Position zu wählen. Es geht darum, deinen inneren Möglichkeitsraum zu weiten. Entscheidungen, die aus Weite entstehen, tragen viel weiter als solche aus Enge und Angst.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Manche Fragen sind zu groß, um sie allein mit sich auszumachen. Wenn du merkst, dass du dich seit Monaten im Kreis drehst, dass die Zerrissenheit dich krank macht oder dass hinter der Beziehungsfrage tiefere Themen liegen – Verletzungen, Ängste, alte Muster – dann ist es sehr sinnvoll, sich Begleitung zu suchen.
In meiner Praxis begleite ich Menschen durch diese Fragen – und begleite sie auch durch Entscheidungsprozesse mit Hilfe des Tetralemmas. Es ist immer wieder bewegend, zu sehen, wie sich die Sicht auf die Dinge ändert, wenn man den Horizont und die Möglichkeiten für sich erweitert.
Quellen
Varga von Kibéd, M. & Sparrer, I.: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen. Carl-Auer Verlag.
Joel, S., MacDonald, G. & Page-Gould, E. (2018): Wanting to Stay and Wanting to Go: Unpacking the Content and Structure of Relationship Stay/Leave Decision Processes. Social Psychological and Personality Science.
Joel, S. et al. (2021): One foot out the door: Stay/leave ambivalence predicts day-to-day fluctuations in commitment and intentions to end the relationship. European Journal of Social Psychology.
Wikipedia: Tetralemma (Strukturaufstellung).
